Dienstag, 4. Februar 2014

Eco, Umberto: Baudolino


Eine Rezension von TinSoldier

Phantasievoll, farbenreich, schillernd: 

So erzählt uns Umberto Eco in seinem prallen Erzählstil die phantastisch - abenteurliche Geschichte des piemonteser Bauernjungen Baudolino, dabei gleichenteils
aus seiner überreichen Fabulierkunst und der nicht minder phantastischen Historie schöpfend. 
So breitet Eco eine wundersame Geschichte vor uns aus, die in der italienischen Provinz Piemont ihren Anfang nimmt und in der die glitzernden Fäden von Mythos, Phantasie und Historie zu einem kunstvollen Stoff verwoben sind, dessen farbenfrohe Details vor dem geistigen Auge des Lesers zu einem sinnverwirrenden Muster verschmelzen. 
Wir sind gezwungen, im Geiste gleichsam einige Schritte zurück zu treten, weil unsere Sinne nur aus imaginärer Distanz vermögen, das Bild in diesem Muster zu erkennen!
Dies ist um so notwendiger, als sich der Autor nach Kräften bemüht hat, vor unseren Augen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion nachhaltig zu verwischen, ja, er sich darin geradezu einen Wettstreit mit seinem Titelhelden, dem begnadeten Lügengeschichtenerzähler Baudolino, liefert. Fällt es uns dort, wo Baudolino auf der Suche nach dem sagenhaften Reich des Priesterkönigs Johannes im Morgenland gleichsam in eine mittelalterliche Fabelwelt voller bizarrer Fabelwesen eintaucht, noch relativ leicht, Realität und Imagination zu unterscheiden, so fällt diese Unterscheidung in Bezug auf subtilere Aspekte der Geschichte hingegen ziemlich schwer.  
Wir wissen uns daher nun nicht anders zu helfen, als Baudolinos Geschichte Schicht um Schicht so lange zu entkleiden, bis der unter sinnverwirrenden Mustern und fabelhaftem Beiwerk verborgene, nackte Plot  sichtbar wird: 


Scheherazade
Baudolino, Sohn armer Bauern aus dem Piemont, ist bereits mit 12 oder 13 Jahren ein kleiner Meister im Erfinden phantasievoller Geschichten, die mit der Wahrheit oft so viel zu tun haben wie die orientalischen Märchen Scheherezades aus Tausendundeiner Nacht.
Im Jahre 1154 begegnet dieser Geistesverwandte von Scheherazade nun wunderbarerweise dem Stauferkaiser Friedrich I., von der Nachwelt auch Kaiser Barbarossa (Kaiser Rotbart) genannt, der sich in der nebligen Poebene verirrt hat. Der Kaiser übernachtet in der Bauernhütte und wird von Baudolino am nächsten Morgen zurück zu seiner Entourage geführt. Aus Dankbarkeit und fasziniert von dessen angeborener Fabulierkunst adoptiert ihn Barbarossa und nimmt ihn mit sich nach Rom zur Kaiserkrönung.

Aber gemach!


Gehen wir zunächst an den Anfang des Buches, welcher sogleich das Ende der Geschichte ist:



Byzanz, Konstantinopel, Istanbul: Im Lauf ihrer bewegten Geschichte wechselte
die Stadt am "Goldenen Horn"  mehrfach ihren Namen
Im April 1204 eroberten die Kreuzfahrer des 
Die Eroberung Konstantinopels durch
die Osmanen im Jahre 1453
4. Kreuzzuges Konstantinopel, damals die Hauptstadt des römischen Ostreiches und Konkurrentin des mächtigen Venedig im Wettstreit um wirtschaftliche und machtpolitische Interessen.  
Der mittlerweile über 60-jährige Baudolino erlebt hier voller Entsetzen die Brandschatzungen und Plünderungen sowie das Massaker an den Einwohnern Konstantinopels durch die Ritter des Vierten Kreuzzuges. Gemeinsam mit dem byzantinischen Beamten und Historiker Niketas Choniates, dem er in den Ruinen das Leben gerettet hat, blickt er drei Tage lang auf das brennende Byzanz und erzählt ihm dabei seine unglaubliche Lebensgeschichte.
Stefan Zweig:
Sternstunden der Menschheit
Eine Rezension findet sich

hier
Die Eroberung Konstantinopels durch die Ritter des Vierten Kreuzzuges war der Anfang vom Ende der sagenumwobenen Stadt als Hauptstadt des byzantinischen Reiches: 

Bis zu ihrer Eroberung durch die Osmanen im Jahre 1453 sollte sie davon nicht mehr genesen. 

Doch dies ist eine andere Geschichte, von der 
Stefan Zweig in seinem Buch "Sternstunden der Menschheit" dem interessierten Leser einen sehr plastischen und spannenden Bericht gibt. 

Doch zurück zu Baudolino:


Dieser erlebt in Rom die Krönung Barbarossas zum Kaiser des römisch-deutschen Reiches und wird in den kommenden Jahren in Regensburg durch den Bischof Otto von Freising erzogen. Hier erfährt Baudolino die Prägungen, die sein späteres Leben bestimmen sollen, wozu seine spätere lebenslange

Büste von Kaiser Friedrich I. gen. Barbarossa

Suche nach dem Reich des sagenhaften Priesterkönigs Johannes zählt.

Seine Studienjahre verbringt Baudolino in Paris, wo er sich mit einem deutschen Rittersohn, den alle nur "Poet" nennen, Abdul, einem Morgenländer, einem Franzosen namens Kyot, dem jüdischen Rabbi Salomon und mit Boron, einem fahrenden Scholaren, anfreundet.
Gemeinsam kultivieren die sechs Freunde ihre Fähigkeit im Erfinden von Lügengeschichten. Diese Freunde werden ihn später an den Hof des Stauferkaisers Barabarossa begleiten. Hier entwickelt sich Baudolino im Laufe der Zeit zum engen Vertrauten und Ratgeber seines geliebten Gönners und Kaisers. Er mischt mit bei weltpolitischen Entscheidungen und "beschafft" nebenbei Reliquien, so auch die
Dreikönigsschrein
Gebeine der Heiligen Drei Könige, deren Überführung in den Kölner Dom er im Jahre 1164 mit seinen Freunden organisiert.


Auch hier wieder mischen sich bei Eco Wahrheit und Fiktion, denn der historischen Überlieferung zufolge wurden die Gebeine nach der Eroberung Mailands durch Kaiser Barabarossa dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel als Geschenk übergeben. So gelangten die Reliquien in den Kölner Dom, wo sie bis heute im "Dreikönigsschrein" aufbewahrt und verehrt werden.

Aber auch an anderer Stelle halfen  Baudolino und seine fünf Gefährten der Geschichte nach, um das Ansehen und die Macht Barabarossas, u.a. gegenüber dem Papst in Rom, zu stärken - z.B. indem sie einen Brief des sagenhaften Priesterkönigs Johannes, der angeblich über Indien herrschte, an Friedrich I. Barbarossa fingierten. Mit dieser Fälschung lösen die Freunde ungeahnte politische Verwicklungen aus.

Übrigens hat es diesen mysteriösen Brief tatsächlich gegeben, nur ist der wahre Urheber unbekannt. 

Unterdessen bricht Kaiser Barabarossa 1189 an der
Der Fluß Saleph heißt heutzutage
Göksu (Blaues Wasser) und liegt in der
östlichen Türkei
Spitze seiner Kreuzfahrer zum Dritten Kreuzzug auf, stirbt jedoch noch vor Erreichen des Morgenlandes 
am 10. Juni 1190 einen mysteriösen TodIn den Erinnerungen Baudolinos liest sich der Tod des Kaisers hingegen anders als in der historischen Überlieferung, wonach der Kaiser in dem Fluß Saleph (heute Göksu) in der heutigen Türkei ertrinkt. Für Baudolino aber findet der rätselhafte Tod des Kaisers seine mögliche Erklärung erst am Ende seiner Geschichte.
 Kaiser Barbarossa erwacht im Kyffhäuser
aus dem vielhundertjährigen Schlaf
In späteren Jahrhunderten wird die Geschichte um den Tod Barabarossas romantisiert und insbesondere im 19. Jahrhundert zum Nationalmythos hochstilisiert. Der Sage nach  schläft der Kaiser im Kyffhäusergebirge mit seinem Gefolge, um eines Tages zu erwachen und das Reich zu neuer Größe zu führen.

Baudolino und seine Freunde kehren nach dem Tod des Kaisers nicht um, sondern begeben sich vom Morgenland aus auf eine lange und gefahrvolle Reise in Richtung Osten, um das Reich des legendären Priesterkönigs Johannes zu finden. Hierbei durchreisen sie ferne und unbekannte Gegenden, in denen sie zahlreichen phantastischen Gestalten und Fabelwesen der mittelalterlichen Mythologie begegnen. Hier verliebt sich Baudolino in der Stadt Pndapetzim unsterblich in eine feenhafte Frau namens Hypatia, deren Name wohl nicht zufällig in Anlehnung an jene  Philosophin und Mathematikerin der Spätantike ausgewählt ist, die ca. 415 n.Chr. in Alexandria von wütenden Christen in eine Kirche gezerrt und bestialisch getötet wurde. 
Als die Stadt von den Horden der "weißen Hunnen"
Der Vogel Roch zerstört das Schiff
Sindbads des Seefahrers
überrannt wird, können Baudolino und einige seiner verbliebenen Gefährten fliehen und fliegen mit drei Vögeln Roch, Fabelwesen aus den Erzählungen von Tausendundeiner Nacht, nach Konstantinopel zurück, wo bereits die Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzuges eingetroffen sind und sich anschicken, die Stadt zu erobern.

Hier schließt sich der Kreis:
Baudolini rettet den byzantinischen Gelehrten Niketas Choniates an der Hagia Sophia vor der wütenden Soldateska des Kreuzfahrerheeres und erzählt diesem
Hagia Sophia
im brennenden Konstantinopel drei Tage lang seine Lebensgeschichte, bevor beide nach Selymbria, also in den (heutigen) europäischen Teil der Stadt, fliehen. 

Hier kommt es zum "Showdown", als er den Mörder Barbarossas sowie dessen Motive entlarvt und zur Rechenschaft zieht. Schließlich leistet Baudolino ein Jahr lang eine selbstauferlegte Buße als Einsiedler und Säulenheiliger in Selymbria, um seine Mitverantwortung am Tode Barbarossas zu sühnen.
Am Ende nimmt er auf immer Abschied von seinem Freund Niketas Choniates und begibt sich, von Sehnsucht getrieben, erneut auf den Weg in den fernen Osten, um nach seiner geliebten Hypatia zu suchen:

"Es war nichts zu machen. Am nächsten Tag umarmte Baudolino Niketas und seine ganze Familie, auch seine Gastgeber, stieg mit einiger Mühe auf sein Pferd, das hochbeladene Maultier am Zügel und das Schwert am Sattel, und ritt los.
Niketas sah ihn in der Ferne entschwinden, die Hand noch winkend erhoben, doch ohne sich noch einmal umzudrehen, unbeirrt unterwegs zum Reich des Priesters Johannes."

Zugegeben: 
Meine eher nüchterne Kurzfassung der Handlung des Buches lässt viele Details und Nuancen der Geschichte aus und ist somit allerhöchstens geeignet, demjenigen, der sich mit dem Gedanken trägt, diesen opulenten historischen Roman aus der Zeit des Mittelalters zu lesen, einen groben Überblick über die Handlung zu verschaffen, die ihn erwartet. 
Eco hat in Baudolino eine einzigartige Verschmelzung von historischem Hintergrund und  Phantasiewelt, von Realität und Fiktion geschaffen, die unglaublich reich an Tiefgründigkeit und Symbolgehalt, an Schönheit und Fabulierkunst, aber zugleich auch psychologische stimmig und kurzweilig ist. 
Umberto Eco
Im Laufe der Geschichte verliert sich der Leser, jedenfalls ging es mir so, geradezu in diesem üppigen Geflecht, diesem dicht begrünten Urwald von einer Geschichte über eine Welt, die Welt des Mittelalters, die mir mit ihren Mythen und Gebräuchen so fremdartig und seltsam erschien wie weiland Guliver das sagenhafte Land Liliput.
Umberto Eco ist zweifellos ein Autor, der sich in der Historie so sicher und elegant bewegt wie ein Delphin im Meer und bereits nach kurzer Zeit wußte ich kaum noch zu unterscheiden, ob es Baudolino oder Eco war, dessen Fabulierkunst mich fesselte.
Es ist nun schon einige Jahre her, dass ich dieses Buch las, doch als ich in Vorbereitung dieser Rezension das eine oder andere Kapitel nochmal überflogen habe, stellte ich fest, dass es darin eine unglaubliche Fülle von Details gab, die meinem Gedächtnis bereits entschwunden waren. Mag der geneigte Leser nun an meinem Gedächtnis zweifeln so wage ich dennoch meinerseits die Rechtfertigung, dass es (auch) an der geradezu sagenhaften Detailfülle des Romans und sicher auch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil am Anspruch liegt, den dieser an die Konzentration des Lesers sowie auch an seine Bereitschaft stellt, sich ggf. über sein Schulwissen hinaus mit (religions-) geschichtlichen und philosophischen Details auseinander zu setzen.
Um hier keine Mißverständnisse zu wecken:
Baudolino ist ein hervorragendes und absolut zu empfehlendes Buch. Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass  dieser Roman alles andere als eine einfache Lektüre ist, der auch, ja man kann es sagen, ohne den Wert des Buches zu schmälern, durchaus in manchen Kapitel seine "Längen" aufweist. 
So kann ich meine Mitrezensentin Parden verstehen, die am Ende ihrer Rezension des "Baudolino" zu folgendem Ergebnis kommt:

"Ausschweifend, langatmig, detailverliebt, ermüdend. Das ist leider das Fazit am Ende der über 600 engbeschriebenen Seiten.
Eco mag ein hervorragender Essayist sein - als Roman ist diese Kunst jedoch nicht zu empfehlen. Hier war es echt des Guten zu viel!"


Und so muss man auch diese Meinung, die ich entschieden nicht teile, über das Werk erwähnen, um dem potentiellen Leser ein ausgewogenes Bild zu geben: 
Was des Einen Lust, ist des Ander´n Frust!
Und so wollen wir es halten, indem wir dem Leser das letzte Wort in dieser Sache überlassen. 


Eco, Umberto

Baudolino
Carl Hanser Verlag München Wien 2001
DNB



©TinSoldier





Kommentare:

  1. Mir hat der BAUDOLINO vor Jahren auch sehr gefallen. Wenn ich nun deine "kurze" Inhaltsbeschreibung lese, dann merke ich aber auch, wieviel ich von der Handlung bereits vergessen habe.
    Nebenbei dachte ich immer dass im Kyffhäuser Friedrich II., also der Enkel des Rotbarts sitzt, denn der war als Herrscher und das STUPOR MUNDI, das "Staunen der Welt", eigentlich bedeutender. Man hat wohl in der Sage beide Gestalten miteinanderverschmolzen.
    Schöner Beitrag. Gefällt mir ausnehmend gut.

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  2. "Der Bauer Baudolino ist in Piemont geboren, zufälligerweise wie Jahrhunderte später ein gewisser Umberto Eco.

    Der dreizehnjährige Baudolino begegnet Kaiser Friedrich I. von Hohenstauffen, dem BARBAROSSA. Baudolino nimmt wohl an allen wichtigen Ereignissen für den Kaiser teil und lügt sich einfach toll durch das Leben.
    Nur er kennt den wahren Mörder des Kaiser, der für den Rest der Welt angeblich in einem Fluß ertrunken ist.
    So macht Geschichte Spaß...
    Also überwindet Euch, Eco ist eine Büchereise immer wert."

    So kurz waren mal Rezensionen. Oder was ich zu Beginn dieses Tuns dafür hielt. Am 16.08.2009 bei den Buchgesichtern. Da war ich gerade zwei Monate dabei.

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    1. Ja, aber manchmal liegt ja bekanntlich die Würze in der Kürze. Ich finde, mit dieser Kurzrezension hast du es doch damals fein auf den Punkt gebracht!

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  3. Schade, dass ich die mit dem Frust war - diese Buchbesprechung mutet fast wie eine Liebeserklärung an. Aber: "Umberto Eco ist zweifellos ein Autor, der sich in der Historie so sicher und elegant bewegt wie ein Delphin im Meer" - das unterscheidet ihn eben sehr von mir. Und so ist der Roman womöglich vor allem den historisch interessierten und bewanderten Lesern zu empfehlen.
    Ich für meinen Teil bleibe jedenfalls bei meinem Urteil. Leider.

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    1. Der Blog Litterae Artesque steht ja m.E. auch für Vielfalt der Meinungen. Das Beispiel zeigt doch sehr schön, wie unterschiedlich ein Buch von zwei Personen gesehen werden kann.

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