Dienstag, 6. August 2013

Eco, Umberto: Baudolino

Konstantinopel brennt! Die prachtvolle Hauptstadt des Byzantinischen Reiches - erobert, geplündert und in Flammen gesetzt von den Rittern des vierten Kreuzzuges. Doch einer von ihnen, ein gewisser Baudolino aus Alessandria, erzählt uns seine unglaublichen Abenteuer auf der Suche nach den Mördern des Kaisers Freidrich Barbarossa.
Nach dem riesigen Erfolg in Italien ist dies Umberto Ecos neuer Roman aus dem Mittelalter, ein phantastisches, überraschendes, bizarres und ungeheuer unterhaltsames Epos aus einer faszinierenden Epoche zwischen Abend- und Morgenland.












 Des Guten zu viel... 

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  05.08.2013)


Umberto Eco kehrt mit diesem Roman zurück ins Mittelalter, aber nicht ins späte seines Welterfolgs "Der Name der Rose", sondern diesmal ins Hochmittelalter des berühmten Kaisers Friedrich Barbarossa.
Kaiser Friedrich Barbarossa
Baudolino, der kleine Bauer aus Alessandria im Piemont (wo Jahrhunderte später auch ein gewisser Umberto Eco geboren wurde), voll von phantastischen Ideen und unerschöpflicher Fabulierkunst, führt uns durch ein historisches Panorama von beeindruckender Breite. Wie er 1154 als Dreizehnjähriger Barbarossa begegnet, von ihm adoptiert wird, mit ihm zur Kaiserkrönung nach Rom und endlich auf den großen Kreuzzug ins Heilige Land geht, immer auf der Suche nach dem mythischen Reich des Priesterkönigs Johannes im fernsten Orient. Alles hat Baudolino miterlebt, doch ein Geheimnis kennt nur er ganz allein: Barbarossa, der angelbich im Fluss ertrank, ist mysteriöserweise bereits in der Nacht zuvor in einer geheimnisvollen Burg, in seinem fest verschlossenen und gut bewachten Schlafzimmer, ums Leben gekommen, und Baudolino ahnt, wer der Mörder sein könnte...

Schelmenroman und historischer Roman, phantastische Chronik und Geschichte eines unmöglichen Verbrechens - Umberto Eco vereinigt all das zu einem großen Epos über die Mythen und Utopien der abendländischen Kultur - und er wäre nicht Umberto Eco, wenn er dabei nicht zugleich einen ironischen Blick auf unsere eigene, nicht weniger seltsame Gegenwart werfen würde.

"Baudolino" ist über weite Strecken ganz in der Tradition der Schelmenromane
Bewohner von Pndapetzim *
dem puren Erzählen und der Lust am ausufernden Fabulieren verhaftet. Das ist zwar teilweise unterhaltsam, jedoch hinterlassen die sehr detaillierten und adjektivstrotzenden Beschreibungen ferner Länder, unbekannter Fabelwesen, menschlicher und menschenähnlicher Völker und theologisch-philosophischer Auseinandersetzungen oft ein unbestimmtes Gefühl der Substanzlosigkeit. 

Zeitweise drängt sich der Eindruck auf, dass es Eco vor allem darum geht, seine eigene Belesenheit und Gelehrsamkeit herauszustellen - und dem muss sich alles andere unterordnen. Sowohl die Handlung als auch die Figuren, die Atmosphäre und selbst die Gattung des Schelmenromans scheinen nur gewählt, um möglichst viele Bereiche, in denen Eco seine Gelehrsamkeit vorführen möchte, beliebig anschneiden und ohne inneren Zusammenhang thematisieren zu können, ohne dabei einem inhaltlich stichhaltigen Konzept verpflichtet zu sein.

Anfangs ist es durchaus interessant zu erfahren, welche Weltbilder zur Zeit Baudolinos herrschten, welche politisch-kirchlichen Verstrickungen und welche Moralvorstellungen es gab. Amüsant zu lesen sind die Abschnitte, wo Ecos fast
Heilige Drei Könige
schon despektierliche Art der Kirche gegenüber durchblitzt. Mal eben eine Heiligsprechung, weil man sich davon politische Vorteile erhofft oder überraschende "Erkenntnisse", wie und wo Reliquien entstehen und in Umlauf gebracht werden. Ich wollte schon immer wissen, wie die drei Weisen aus dem Morgenland eigentlich in den Kölner Dom gelangt sind, aber das ist dann doch wohl der Geschichts-Schreibung zu viel. - Oder?

Eco macht sehr deutlich, auf welcher Basis damals (?) Politik und Religion funktionierten: Lügen, Intrigen, Zweckbündnisse, Verleumdungen, Machtkämpfe, Kriege... Insgesamt ist Eco jedoch einmal mehr überaus detailverliebt. Stellenweise viel zu sehr für meinen Geschmack... Viele Aufzählungen sind einfach nur einlullend - es gibt Sätze, die ziehen sich über 1 1/2 Seiten (!), und wenn der gefühlt 100. Angriff auf eine Stadt geschildert wird, kann man fast nur noch abschalten... Dabei geht dann fast auch der leise Witz Ecos unter, wenn er z.B. schreibt: "Aber alles, was in diesem Brief steht, ist so wahr wie das Evangelium." - tja, dann ist wohl auch das erstunken und erlogen...

Bewundernswert ist es ja schon, wie bewandert Eco mit den Gegebenheiten des Mittelalters ist und über wie viel Detailwissen er verfügt. Diese Mischung aus Lügen, Mythen, Geschichte und Politik erschließt sich in der Vollkommenheit wohl auch eher wahren Kennern des Fachs - wie Eco eben. Ich fühlte mich damit teilweise - trotz Unterstützung z.B. durch Wikipedia - etwas überfordert.
Vor allem aber sind es die ständig wiederkehrenden Aufzählungen und Ecos Detailverliebtheit, die mir das Lesen häufig erschwert haben und mich regelrecht ermüdeten... Als Beispiel hier einer der kürzeren Sätze: "Es war ein Rotschimmern von Blutstein und Zinnober, ein Schwarzglänzen von Phosphat wie bei atramentiertem Stahl, ein Changieren von Auripigmentpartikeln von Gelb bis zu grellem Orange, ein Blaufunkeln von Armenium, ein Weißblinken von kalzinierten Muscheln, ein Grünleuchten von Malachiten, ein Verblassen von Bleioxyd in immer bleicheren Tönen, ein Gleißen von Realgarkristallen, ein Grummeln von gründunkler Erdkrume, die zu Blauspatpulver verblasste und dann zu Nuancen von Indigo und Violett überging, ein Triumph von Musivgold, ein Purpurglühen von gebranntem Bleiweiß, ein Flammen von miniumrotem Sandarak, ein Irisieren von Sibertonere und eine einzige Transparenz von Alabastern." Wie lange braucht man, um solch einen Satz zu verfassen, bis er perfekt genug ist? Wie lange braucht man, um solch einen Satz bis ins Letzte zu verstehen?

Ausschweifend, langatmig, detailverliebt, ermüdend. Das ist leider das Fazit am Ende der über 600 engbeschriebenen Seiten.

Eco mag ein hervorragender Essayist sein - als Roman ist diese Kunst jedoch nicht zu empfehlen. Hier war es echt des Guten zu viel!



© Parden 


 * Bild aus der "Nürnberger Chronik"







Umberto Eco
Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 als Sohn eines Buchhalters in Alessandria/Piemont geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Literatur in Turin promovierte er 1954 zum Dr. phil. und war anschließend als Kulturredakteur tätig. Ab 1956 arbeitete er als Dozent und Mittelalterforscher, ab 1963 als Kolumnist. 1965 erhielt er einen Lehrauftrag in Florenz, 1966 folgte eine Professur in Mailand. Seit 1971 ist er Professor für Semiotik an der Universität Bologna. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Umberto Eco ist wohl der bekannteste zeitgenössische Semiotiker. Seine Werke wurden vielfach übersetzt und mit renommierten Auszeichnungen gewürdigt. Mit "Das offene Kunstwerk" veröffentlichte er 1973 eine der einflussreichsten Arbeiten zur modernen Ästhetik. Dem breiten Lesepublikum wurde der Autor zahlreicher literaturtheoretischer und kulturwissenschaftlicher Schriften vor allem durch seine Erzählprosa bekannt: Die Romane "Der Name der Rose" (1982) und "Das Foucaultsche Pendel" (1989) avancierten zu internationalen Bestsellern. In den Folgejahren erschienen u. a. "Die Insel des vorigen Tages" (1995), "Kant und das Schnabeltier" (2000), "Baudolino" (2001), "Die Bücher und das Paradies" (2003), "Die Geschichte der Schönheit" (2004), "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" (2004), "Quasi dasselbe mit anderen Worten" (2006), "Schüsse mit Empfangsbescheinigung" (2006), "Im Krebsgang voran" (2007) sowie "Die Geschichte der Häßlichkeit" (2007).


Kommentare:

  1. Habe das Buch vor einigen Jahren, kurz nach seinem Erscheinen, gelesen und muss dir beipflichten:
    Du hast hier eine eine aus meiner Sicht sehr treffende Beurteilung vorgenommen.
    Zweifellos ist Eco ein großartiger Erzähler und ein hochgebildeter Kenner des Mittelalters. Trotzdem oder gerade deswegen leidet die an sich spannende Geschichte des Baudolino unter dieser detailverliebten Weitschweifigkeit.
    Schade!
    Deine Rezension finde ich hervorragend!

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    1. Vielen Dank, Rudi. Ich bin irgendwie beruhigt, dass Du es ähnlich empfunden hast. Bei bestimmten Büchern / Autoren kommt mir Kritik zuweilen fast vor wie ein "Sakrileg"...

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  2. "Der Bauer Baudolino ist in Piemont geboren, zufälligerweise wie Jahrhunderte später ein gewisser Umberto Eco.
    Der dreizehnjährige Baudolino begegnet Kaiser Friedrich I. von Hohenstauffen, dem BARBAROSSA. Baudolino nimmt wohl an allen wichtigen Ereignissen für den Kaiser teil und lügt sich einfach toll durch das Leben.
    Nur er kennt den wahren Mörder des Kaiser, der für den Rest der Welt angeblich in einem Fluß ertrunken ist.
    So macht Geschichte Spaß...
    Also überwindet Euch, Eco ist eine Büchereise immer wert."

    So lautete meine zugegebener Maßen noch sehr kurze Rezension bei buchgesichter.de am 16.08.2009. Da war ich noch am üben und meine Mitgliedschaft zwei Monate alt.
    Ich kann mich auch an solche Sätze erinnern, hab sie oft überlesen und manchmal gestaunt, wie man sich ausdrücken kann. Wörter, die man noch nie gelesen hatte und das in einer Übersetzung.
    Aber dies tat dem sonstigen Spaß wohl keinen Abbruch. Bei mir. Am liebsten würde ich sofort wieder reinschauen. Aber die anderen Aufträge hier warten, warten, warten...

    Deine Rezension ist sehr gut, hoffentlich hat es dir den Eco nicht total verhagelt...

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    1. Bevor ich meine Rezension schrieb, habe ich noch einmal in Deiner Buchgesichter-Rezension gelinst - und einen Schrecken bekommen, *lach*. Soooo unterschiedlich ist da unsere Wertung.

      Komplett verhagelt hat es mir den Eco sicher nicht, aber bis zum nächsten Buch werde ich gewiss einige Zeit versteichen lassen!

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    2. Ich hab ja auch noch zwei auf Halde: Den FRIEDHOF VON PRAG und DAS FOUCAULTSCHE PENDEL. Letzteres hatte ich schon mehrmal beim Wickel und nie die Traute, mich durchzukämpfen.

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    3. Die beiden liegen hier auch noch. Wobei: "Das Foucaultsche Pendel" habe ich im zarten Alter von 19 Jahren bereits einmal gelesen. Und: nix verstanden. War deprimierend, echt. Wäre einer Wiederholung nicht abgeneigt, aber am liebsten gemeinsam, damit man sich dann ggf. über Passagen austauschen kann. Im kommenden Jahr vielleicht?

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    4. Klar, im nächsten Jahr könnte man sich das vornehmen. Wir haben aber noch ein Projekt ausstehen...

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