Sonntag, 16. Juni 2013

TOLSTOI, Leo: Krieg und Frieden



Eine Rezension von

TinSoldier
(zuerst veröffentlicht auf buchgesichter.de)


Krieg und Frieden von Leo TolstoiWas schreibt man in einer Rezension über diesen Klassiker? Dass es ein wahrhaft monumentales Werk ist? Ist es nicht aber von vornherein anmaßend für einen Laien, über ein solches Werk urteilen zu wollen? Ich meine: Nein! Denn   w e r    s o n s t  sollte über ein literarisches Werk urteilen, wenn nicht der Leser? 
Dies Urteil a l l e i n intellektuellen Literaturkritikern und promovierten Literaturwissenschaftlern zu überlassen, wäre doch so, als wollte ich im Restaurant den Kellner bitte, zu entscheiden, ob es m i r geschmeckt hat.

Krieg und Frieden: Das Buch ist Geschichtswerk und Gesellschaftsroman, ja, monumentales Gemälde der russischen Seele und des zaristischen Russland im 19. Jahrhundert zugleich. Von der ersten Zeile an werden wir hineingezogen in die Salons und Gesellschaften der russischen Oberschicht der napoleonischen Epoche, erleben glänzende Bälle und Abendgesellschaften mit Klatsch, Intrige, Eitelkeiten und all den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen jener Zeit, aber auch den kleinen Belanglosigkeiten des täglichen Lebens.
Von der ersten Zeile an ist gewiss: Tolstoi ist ein begnadeter Erzähler, dem es mühelos gelingt, uns hineinzuziehen in seine Geschichte, ja, uns förmlich darin versinken zu lassen und der uns nach und nach den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer ganzen, lange zurückliegenden Epoche sowie eben jener Gesellschaft im zaristischen Russland am Beginn des 19. Jahrhunderts, vermittelt. Selten las ich ein Buch, das mich so gefesselt hat und das zugleich so lehrreich, sprachlich so schön, atmosphärisch so dicht gewoben, kurzum: so unglaublich authentisch war. Der Leser spürt allerorten den Hauch der Historie und glaubt an manchen Stellen, selbst den Schlachtenlärm zu hören, ja den beißenden Geruch des Pulverdampfes zu riechen, welcher allerorten in der Luft über den Schlachtfeldern liegt und es dem Grafen Bezuchow erscheinen lässt, als versinke das sonnenbeschienene Tal zu seinen Füßen, aus dem ab und an in der Sonne das blanke Metall der Säbel und Musketenläufe herauf blitzt, am helllichten, sonnenbeschienenen Tag im Nebel.
So ziehen im Laufe der Geschichte hunderte von Personen und Einzelereignissen sowie exakte Schilderungen geschichtlich verbürgter Ereignisse und kriegerischer Auseinandersetzungen vor unserem Auge vorbei und fügen sich nach und nach zu einem wunderbar farbigen, unendlich facettenreichen und psychologisch stimmigen Bild einer ganzen Epoche, der russischen Gesellschaft jener Zeit, ja, der russischen Seele. 
Was macht es da aus, das wir natürlich die Geschichte aus russischer Sicht erleben, uns also darüber im Klaren sein müssen, hier keine neutrale Betrachtung der Historie zu erleben. Auch wohl mag es auffallen, dass in einigen wenigen Sätzen und Bemerkungen Ressentiments und Geringschätzung Tolstois gegen Deutsche sich offenbaren. Dies ist umso erstaunlicher, als eine der berühmtesten und mächtigsten Monarchinnen der russischen Geschichte, Katharina die Große nämlich, eine geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst, mithin eine Deutsche war. Den Wert und die Schönheit des Werkes schmälert dies aber nicht.
Eingebettet in den Hintergrund der napoleonischen Kriege, deren Höhepunkt der russische Feldzug mit der Eroberung Moskaus durch Napoleons Truppen im Jahre 1812 war, breitet Tolstoi viele Handlungsstränge vor uns aus, in denen er uns die Ereignisse aus der Sicht zahlreicher Personen unterschiedlichen Standes erleben lässt. Hauptfiguren des Romans sind Pierre Bezuchow, Fürst Andreij Bolkonskij und Natascha Rostowa, deren Leben auf schicksalhafte Weise mit dem der beiden anderen Protagonisten verbunden ist.

Doch Vorsicht. Schon mancher hat sich den Magen verdorben, weil er zur unrechten Zeit zu viel zu sich nahm. Dies ist keine Buch für den Strandurlaub oder für morgens in der U-Bahn. Das wäre so, als würde man einen schweren roten Barolo zu einem federleichten Crevetten-Cocktail genießen. Es passt nicht zusammen.

Dies ist schließlich kein Burger für den kleinen Lesehunger zwischendurch, sondern ein opulentes, mehrgängiges Lesemenue mit über 1600 Seiten, das uns von einem Sternekoch bereitet wurde und entsprechend anspruchsvoll ist. Man liest es nicht mal schnell so zwischendurch, sondern genießt es in Andacht und Ruhe, vielleicht bei Kerzenschein und in Begleitung eines Glases guten Weins. Und in wohldosierten Portionen, kapitelweise, vielleicht oder sogar ganz sicher über mehrere Wochen hinweg. Dann mundet es ausgezeichnet. Wohl bekomm´s!

Fazit: Nicht nur vom Umfang her ein starkes Buch!


Tolstoi, Leo
  1. Krieg und Frieden

© TinSoldier
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Post scriptum von KaratekaDD:
ein klein wenig Fremdwerbung:

zu Kutusov der folgende Post von JAY hier
und gleich noch einmal Post von Jay hier

1 Kommentar:

  1. Ein wenig Fremdwerbung aber interessant:

    - http://loomings-jay.blogspot.de/2013/04/kutusow.html
    - http://loomings-jay.blogspot.de/2013/04/blog-post.html

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