Mittwoch, 29. Mai 2013

BG: Herr Bahnschulte liest wieder!


Herr Bahnschulte liest wieder!
- oder wie ich zum Bücherwurm wurde...
von TinSoldier
(zuerst veröffentlicht auf Buchgesichter.de)

E
ine meiner ersten Begegnungen mit Literatur, die nicht unter Trivial-, Kinder- oder Jugendliteratur einzuordnen ist, hatte ich ungefähr im Alter von 12 Jahren. Interessanterweise hatte ich diese Berührung nicht als Leser sondern vielmehr als Zuhörer, was wegen der besonderen Umstände ein Erlebnis darstellte, welches ich nie mehr vergessen und das mein Verhältnis zu Büchern und zur Literatur für mein weiteres Leben prägen sollte. Dieses Erlebnis verdanke ich einem ungewöhnlichen Lehrer, der seine Schüler nicht mit Strenge sondern mit Güte, Begeisterung und Lebensweisheit in Biologie und Deutsch unterrichtete. Dieser Lehrer, klein von Wuchs, Rheinländer mit rheinländischer Frohnatur, war ein gutherziger, außerordentlich gebildeter Mann mit einer Vorliebe für Bücher und Literatur, die er gern mit uns teilte. Der Krieg hatte ihn seinen rechten Arm gekostet, weshalb er eine Armprothese mit einer lederüberzogenen Kunsthand besaß. Stets war er ordentlich in ein Jacket, welches er wegen seiner Prothese rechts nur lose über die Schulter legen konnte, gekleidet, wobei er den nutzlosen rechten Ärmel sorgfältig mit einer Sicherheitsnadel an der Jacke festgeheftet zu tragen pflegte; der Mann besaß eine natürlich Autorität, war immer heiter und freundlich gestimmt, war geduldig und gerecht, erhob niemals die Stimme (es sei denn, um herzhaft zu lachen oder wenn er vorlas) und wurde dennoch von allen Schülern nicht nur geliebt, sondern geehrt und geachtet. Herr Bahnschulte, so hieß er, besaß kurzes Kraushaar und hatte meistens eine Brille auf der Nase. Die Tatsache, dass er im Krieg einen Arm verlor, hatte offensichtlich nicht vermocht, ihm seinen Humor und seinen Optimismus zu nehmen, obgleich es mir heute in der Erinnerung so scheint, dass immer ein gewisser Ernst wie ein Schatten auf seinem Lächeln lag. Kurzum: Dies war ein Lehrer, wie du so leicht einen Zweiten nicht findest! Der Mann hatte viel erlebt, aber er machte kein Aufhebens davon und es schien, er habe sich mit seinem Schicksal versöhnt, gleichsam als befinde sich sein gesamtes Inneres im Gleichgewicht und als ruhe er fest in seinem Mittelpunkt. Unser Lehrer nutzte bestimmte Gelegenheiten, etwa die letzte Schulstunde vor den Ferien oder immer, wenn der Lehrplan es zuließ, uns in seiner rheinischen Mundart mit lustigen oder auch tiefsinnigen Anekdoten zu unterhalten oder uns Kurzgeschichten vorzulesen. Dies war uns immer ein willkommenes und aufregendes Ereignis zugleich, und dies nicht nur, weil die erwartete Unterrichtsstunde somit ausfiel und uns stattdessen eine unterhaltsame Anekdote oder eine spannenden Geschichte erwartete. Als Erzähler und Vorleser besaß Lehrer Bahnschulte nämlich ganz besondere Qualitäten, die eine solche Lesung stets zu einem besonderen Erlebnis machten:

Beim Vorlesen schlüpfte er jeweils in die Rolle der betreffenden Figur und las den Text mit passender Stimme und Betonung, wobei ein Flüstern auch ein Flüstern, ein Schrei auch ein Schrei und ein Jammern auch ein wirkliches Jammern war. So versetzte er sich in Tonlage, Mimik und Gestik ganz wie ein Schauspieler in seine Rolle, scheinbar alles um sich herum vergessend, und machte so aus den Buchstaben eine lebendige Geschichte, die uns mucksmäuschenstill verharren ließ.

Herr Bahnschulte las eine Geschichte nicht nur vor, nein, er gab sie zum Besten, und wir hingen gleichsam an seinen Lippen.

Ging bei dieser Gelegenheit ein anderer Lehrer etwa an der Klassentür vorbei, so konnte er leicht Ohrenzeuge der Lesung werden. In der Schule hieß es dann: „Aha, Herr Mahnschulte liest wieder….“ !

Eines Tages, ich glaube, es war vor den Sommerferien, las er uns in der letzten Schulstunde Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ vor.

Diese warmherzige, tragikomische Geschichte von dem durch Missverständnisse geprägten Kennenlernen zweier völlig gegensätzlicher Menschen, nämlich dieses urgewaltigen, kraftstrotzenden, Asbach saufenden, einbeinigen, lispelnden, dominanten, hünenhaften, krakeelenden Onkels auf der einen und des kleinen, blassen, verschüchterten, gequälten, ängstlichen, verspotteten und verfolgten Kellnerleins mit dem Sprachfehler auf der anderen Seite, bot unserem Lehrer nun aber geradezu zwei Paraderollen, die seinem Talent als Vorleser wie „auf den Leib geschrieben“ schienen.

Ich werde nie vergessen, wie er, bald den lärmenden, kraftstrotzenden, Asbach saufenden, einbeinigen und urgewaltigen Onkel darbot, um in der nächsten Sekunde seine Mimik, Haltung und Tonlage geradezu in´s Gegenteil zu verändern, so dass plötzlich das vom Leben gebeutelte, blasse und bleiche, weinerliche Kellnerlei aus ihm sprach. Die zischenden Laute des lispelnden Kellnerleins, das sein demütigende Geschichte vo „Schischyphusch“ darbot, während der aufgestaut Schmerz aus ihm herausbrach und sich bald in meckernden, bald in wiehernden Lachkrämpfen entlud, dieses wiederholte „Schschiiiiphuuhuusch“, eingebettet in Lachkrämpfe und unterdrücktes Schluchzen eines gepeinigten und gedemütigten Individuums, das nun in der Person des Onkels einen Freund, Beschützer und Gegenpol zugleich gefunden hatte, werde ich niemals vergessen. Diese Geschichte, dieser Vortrag, waren einzigartig, erheiternd und erschütternd zugleich.

Als Zuhörer fühlte ich mich gleich dem Kellner getröstet, als aus meinem Lehrer die tiefe Bassstimme des Onkels mitleidsvollen Worte zu dem armen Kellnerlein sprach: "Armesch kleinesch Luder! Schind schie schon scheit deiner Geburt hinter dir her und hetschen?“.

Die Geschichte und der Vortrag haben mich stark beeindruckt und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dies dauert bis heute an.

Wolfgang Borchert beschreibt in seinem Werk das Leiden und Siechtum einer verratenen Generation. Er, sein Werk, hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherschrank. Den Platz in meinem Leserherzen aber muss er sich mit Lehrer Bahnschulte teilen.

Ich glaube aber, die beiden mögen sich!

© TinSoldier (29.05.13)

Kommentare:

  1. Bei mir waren es, wenn ich das recht bedenke, meine Eltern, die mich zum lesen brachten und dann Schwierigkeiten hatten, mich davon gelegentlich zwecks frischer Luft wieder abzubringen.

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  2. Wie wichtig solche Schlüsselerlebnisse sind - und wo wären wir heute ohne diese...

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