Montag, 26. Oktober 2015

BG: Ein Interview mit Umberto Eco

Ein fiktives Interview mit Professor Umberto Eco
Das Interview gehört zu dem Buch Nachschrift zu DER NAME DER ROSE und wurde dazumal bei buchgesichter.de veröffentlicht:

* * *

KaratekaDD: „Herr Eco, wieso heißt der Roman eigentlich DER NAME DER ROSE?“
ECO: „Ich wollte die Leser in die Irre führen!“ 

 KaratekaDD: „Aber, Herr Eco, wie kam ihnen denn überhaupt die Idee zu diesem Roman?“
ECO: „Nun, ich wollte schon immer mal einen Mönch umbringen, mindestens aber literarisch.“ 

 KaratekaDD: „Das Kontaktgift im verschollenen Buch der Poetik von Aristoteles, wer hat ihnen das Rezept verraten, Herr Eco?“
ECO: „Ich hab alle bekannten Apotheker gefragt, ob sie ein Pharmakon empfehlen können, dass über die Haut bei Berührung von zweckmäßig präparierten Gegenständen absorbiert werden kann. Ich hab die Antworten begreiflicherweise vernichtet.“ 


 KaratekaDD: „Aber immer das Mittelalter, Herr Eco, immer das Mittelalter! Warum?“
ECO: „Alles was wir heute so denken, hat seinen Ursprung im Mittelalter. Ja selbst das was noch älter ist. Schließlich haben das ja mittelalterliche Mönche abgeschrieben, na ja, zumindest vieles.“ 

 KaratekaDD: „Nun verraten Sie Ihren Lesern doch mal, Herr Eco, warum der Roman im November 1327 spielt?“
ECO: „Nun, das ist eigentlich ganz einfach: Einmal weil Michael von Cesena im Dezember bereits in Avignon weilt. Dann weil Schweine im Winter geschlachtet werden. Und weil die Apokalypse nun mal nicht geändert werden kann. Darum liegt die Abtei auch in den Bergen. Zudem, weil die Gedanken, von denen Adson erzählt, von den Fratiziellen stammen und die wiederum so erst im 14. Jahrhundert auftraten. Deswegen ist William von Baskerville auch ein Engländer. Reicht das?“ 

 KaratekaDD: „Umberto, ich darf doch Umberto sagen?“ (Umberto nickt)
„Umberto, Warum ist die Bibliothek ein Labyrinth?“
ECO: „Da hab ich mich von Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, inspirieren lassen.“ (Umberto grinst)
„Es gibt drei Arten von Labyrinthen: Einmal das klassisch – griechische, mit dem Minotaurus in der Mitte, in dem man zwangsläufig diesem Untier begegnet, dann das barock-manieristische, wofür man schon mal die Begleitung einer gewissen Ariadne bedarf, mindestens aber ihres Fadens und das Rhizom, welches dann eher ein mehrdimensionales Netzwerk darstellt. Aber das wird selbst dir, lieber KaratekaDD, zu kompliziert. Wetten?“ 


 KaratekaDD: „Ha, ha…“
ECO: „Das Labyrinth als Netzwerk wird nach Deleuze und Guattari als Rhizom bezeichnet. Das Rhizom-Labyrinth ist so vieldimensional vernetzt, dass jeder Gang sich unmittelbar mit jedem anderen verbinden kann. Es hat weder ein Zentrum noch eine Peripherie, auch keinen Ausgang mehr, da es potentiell unendlich ist. Der Raum der Mutmaßung ist ein Raum in Rhizomform. Das Labyrinth meiner Bibliothek ist zwar noch manieristisch, aber die Welt, in der zu leben William begreift, ist schon rhizomförmig strukturiert – oder jedenfalls strukturierbar, wenn auch nie definitiv strukturiert.“


KaratekaDD: „Ah,ha…“
ECO: „Wie jetzt?“ 

 KaratekaDD: „Ich hab zwar nicht viel von den theologischen Diskussionen im Buch begriffen, aber sie wirken im Buch wie Verlängerung des räumlichen Labyrinths.“
ECO: „Das hast du eben abgeschrieben. Das hat mir mal ein 18jähriger Junge gesagt.“
KaratekaDD: „Stimmt!“
ECO: „Auch der naivste Leser hat instinktiv gespürt, dass er vor einer Geschichte von Labyrinthen stand – und nicht nur vor räumlichen Labyrinthen. Man könnte geradezu sagen, daß die naivsten Lesarten eigenartigerweise die ‚strukturellsten’ waren: Der Leser ist unmittelbar, ohne Vermittlung durch die Inhalte, mit der Tatsache in Berührung gekommen, daß es unmöglich ist, nur EINE Geschichte zu haben.“ 

 KaratekaDD: „Professor Umberto, sind die Gedanken dieses William von Baskerville und der anderen nicht zu modern?“
ECO: „Ach, weeste (lacht), immer wenn Leser meinten, diese oder jene Stelle sei ein zu moderner Gedanke von Mönchen aus dieser Zeit, dann hab ich das aus Originalquellen des 14th Century abgeschrieben.“ 

 KaratekaDD: „Hättest du noch eine Schlussbemerkung?“
ECO: „Lieber KaratekaDD, nur wir Mönche von damals wissen die Wahrheit, doch wer sie sagt, kommt bisweilen auf den Scheiterhaufen.“ 

 KaratekaDD: „Ich danke dir, lieber Professor Umberto im Namen der Buchgesichter für dieses Gespräch.“

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© karatekaDD

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